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#wetalkbeauty: Was ich von meinen Dehnungsstreifen gelernt habe

Wozu noch eigene Selbstzweifel aufbauen, wenn sie uns doch von Gesellschaft und Medien auf einem Silbertablett präsentiert werden? Zu dick, zu dünn, schlecht operiert, nicht operiert genug, zu groß, zu klein … ich könnte an dieser Stelle endlos weitermachen. Aber damit nicht genug und das Schlimmste daran: All die kleinen Makel, die sicher jede von uns irgendwann schon einmal an sich selbst festgestellt hat. Und immer wieder für Komplexe sorgen. Ich habe mir hierzu ein paar Gedanken gemacht und über die Streifen und Punkte an meinem Körper geschrieben. Vielleicht hast du keine Dehnungsstreifen, aber findest dich auf andere Art und Weise in meinen Erfahrungen wider.

Dehnungs- … Was genau?

Lassen wir mal alle Hüllen fallen: Wenn ich nackt vor dem Spiegel stehe, fallen mir mindestens 200 Dinge auf, die meinen Körper ganz klar als „Nicht-Model-Material“ abstempeln. Ich habe einen kleinen Bauch, meine Oberschenkel waren sicher schon einmal straffer und wenn meine Haare mal machen, was ich möchte, mache ich drei Kreuze im Kalender. Ganz vorn dabei sind die zebrastreifenartige Narben an Beinen, Hüfte und sogar im Dekolleté. Hallo Dehnungsstreifen! Kommt ihr nicht erst in der Schwangerschaft, oder habe ich das falsch verstanden?
Seit ich denken kann, waren diese Streifen da. Habe ich irgendwann mal zu schnell zugenommen oder waren es doch intensive Wachstumsschübe in der Pubertät? Beides kann eine Überdehnung der Haut verursachen, die dann kleine (oder auch große) Risse bekommt – weshalb auch der Begriff Schwangerschaftsstreifen so verbreitet ist. Unsere Haut ist zwar elastisch, kann aber wie jedes noch so dehnbare Gewebe auch überdehnt werden. Ähnlich wie das ebenfalls oft diskutierte Thema Cellulite sind Dehnungsstreifen allerdings kein Problem, was nur fülligeren (oder schwangeren) Frauen vorbehalten ist – es ist alles eine Frage des Bindegewebes. Meine Dehnungsstreifen sind an Good-Body-Days wie an schlechten meine treuen Begleiter – unabhängig davon, ob ich gerade in Topform bin oder mich doch mal wieder ein paar Tage lang nur von Pommes und Softdrinks ernährt habe.

Aha … Und das soll wirklich helfen?

Jetzt ist es leicht zu sagen, dass diese Risse auf der Haut einen Makel darstellen. Die Google-Suche nach Dehnungsstreifen zeigt allein auf der ersten Seite nur einen einzigen Artikel, der objektiv erklärt, woher die Streifen kommen. Alle weiteren drehen sich um die „fünf besten Methoden, Dehnungsstreifen loszuwerden!“ und was man „nachhaltig dagegen tun“ kann. Das Thema ist rundum negativ belastet. Klar gibt es den einen oder anderen Versuch von Beauty-Bloggern oder gar Unternehmen, es ganz im Sinne von #bodypositivity mal anders aufzukrempeln. Der Großteil der Assoziationen mit allem, was den Körper abseits der Norm platziert, ist aber nach wie vor negativ behaftet. Diese sind viel eher dem Wunsch nach Änderung als einer wirklichen Selbstakzeptanz geschuldet. Vorhang auf für all die Mittelchen, die Abhilfe schaffen und das Erscheinungsbild der Narben verbessern sollen. Ich bin ganz ehrlich: Eine Zeit lang habe ich jeden Tag geölt, gecremt und massiert, was das Zeug hält. Mein Blick schweift in Apotheken nach wie vor zu Anti-Dehnungsstreifen-Cremes und dem immer neuesten Shit, der jetzt WIRKLICH nachhaltige Veränderungen bringen soll. Einen echten Unterschied macht keiner davon. Wenn erst einmal Geweberisse da sind, gibt es nun mal kein Zaubermittel, das sie von heute auf morgen wieder heilt. Vielleicht war ich nie geduldig genug, meine Beine über Wochen hinweg mit einem Öl einzureiben. Vielleicht war es mir aber auch nie so wichtig, meine Lebenszeit in etwas zu stecken, was an sich gar nicht schlimm ist. Es ist schließlich keine körperliche Beeinträchtigung, macht mir mein Leben nicht schwerer und erinnert mich nicht an traumatische Zeiten – sondern ist irgendwie ein Teil von mir.

#BODYPOSITIVITY: Na endlich!

Von allen Seiten bekommen wir gezeigt, wie wir zu sein haben, wie wir aussehen sollen – und wie auf gar keinen Fall. Keine Klatschzeitschrift widmet nicht mindestens einem Artikel mit unvorteilhaften Fotos wunderschöner Frauen, auf denen kleine Makel großformatig präsentiert werden. Selbst im Verhalten untereinander können unbedachte Kommentare den Selbstwert angreifen – was vor allem bei jungen Mädchen gravierende Folgen haben kann. Ich weiß, wie lange ich gebraucht habe, um mich selbst nicht nur so zu akzeptieren, wie ich bin, sondern mich sogar genau so zu mögen. An manchen Tagen kann ich das selbst mit Mitte 20 noch nicht und die schlaksige Dreizehnjährige mit Zahnspange und unzähmbaren Locken ist präsenter denn je. Natürlich kann ich all das ändern, was nachhaltig am eigenen Selbstwert nagt – mit Sport, Ernährung oder selbst operativen Eingriffen. Das Wichtigste ist schließlich, sich in der eigenen Haut wohlzufühlen. Aber manchmal, nur manchmal, lohnt es sich auch, einen Schritt zurückzugehen und sich nicht mit den eigenen kritischen Augen zu betrachten – oder mit unerreichbaren Beauty-Standards zu vergleichen. Mit ein bisschen Glück merkst du dann, dass du ziemlich toll bist – ob mit Zebrastreifen, Charakternase, Zahnlücke oder Wuschelkopf. Das eine, einzig richtige „Perfekt“ gibt es schließlich nicht. Und perfekt sein, wäre dann auch ziemlich langweilig! Klar, ich creme auch weiterhin all die Stellen ein, die vernarbt und gerissen sind – genauso wie den Rest meines Körpers. Manchmal mit Selbstbräuner, manchmal mit BiOil, manchmal mit extraviel Feuchtigkeit. Ein bisschen Schummeln ist da schon in Ordnung – was ist schließlich Beauty, wenn nicht das Spiel mit allem was schön und vor allem möglich ist?

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Julia Döll

Julia Döll

Autor und Experte

Pflege-Junkie, Instagram-Addict, und immer bereit, neue Masken auszuprobieren. Gib mir eine große Tasse Kaffee und hübsch verpackte Beauty-Produkte – mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein!